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Wir wollen in Verantwortung treten.

Das ehemalige Krankenhaus in Karlstadt wird zum Gesundheitszentrum umgestaltet.

Es soll die ambulante Versorgung in der Region zukunftsfähig machen.

Der Klinikneubau in Lohr ist wichtig für die Region Main- Spessart. Als Partner braucht es aber eine starke ambulante Medizin. „Die muss aus meiner Sicht in der Peripherie stattfinden“, sagt Klinikreferent René Bostelaar. Dr. Johannes Kromczynski ist Mitinitiator des neuen Gesundheitszentrums in Karlstadt. Er hatte die Vision, eine breite ambulante Versorgung unter einem Dach zu schaffen. Als klar war, dass das Gebäude in Karlstadt frei wird, ergriff er die Chance.

„Fast die Hälfte der niedergelasse- nen Ärzte im Kreis Main-Spessart ist über 60 Jahre alt“, so der Allgemeinmediziner. „Die medizinische Landschaft verändert sich, wir haben nicht genug Nachwuchs, insbesondere bei den Hausärzten. Wir wollen in Verantwortung treten, um die gute medizinische Versorgung auch in Zukunft zu sichern. Denn die wird, neben In- frastruktur, Freizeitwert und Schulen, dazu beitragen, dass die Menschen weiterhin in Main-Spessart wohnen wollen.“ „Wir müssen Modernisierung wagen und uns an die Rahmenbedingungen anpassen. Jeder Tag, an dem wir nichts tun, ist ein verlorener Tag“, bekräftigt Bostelaar.

Zusammen mit dem Investor, der Würzburger Beethovengruppe, ging Krom- czynski deshalb auf niedergelassene Kollegen zu. Die Bereitschaft zur Mitarbeit war da, so kam das Projekt ins Rollen. Auch die Verwaltung des Klinikums Main-Spessart sowie die Gesundheitsregion plus – eine Initiative des Freistaats – unterstützen das Konzept, das Arztpraxen und medizinnahe Dienstleistungen unter einem Dach bündeln will. Eine Konkurrenz zu Praxen in der Peripherie soll das aber nicht sein, betont er: „Wir wollen eine gute Zusammenarbeit. Alle niedergelassenen Ärzte sind eingeladen, sich hier einzubringen.“

Junge Ärzte haben andere Bedürfnisse

Fakt ist: Junge Ärztegenerationen haben andere Bedürfnisse in puncto Work-Life- Balance. Und durch den hohen Frauenanteil steigt die Nachfrage nach Teilzeitstellen. Frei werdende Kassensitze nachzubesetzen wird immer schwieriger – insbesondere auf dem Land. Um die Jungen ins Boot zu holen, müssen sich die Strukturen ändern, glaubt Kromczynski. Lukrative Angebote für werdende Mediziner hält er für nicht ausreichend, auch weil sie zu spät kämen: Wer jetzt mit dem Studium anfängt, ist frühestens in elf Jahren fertiger Hausarzt. Auch die neue Hausarzt-Quote schafft also erst in elf Jahren Entlastung.

In Karlstadt werden sich mehrere Facharztpraxen räumlich zusammentun, zunächst eigenständig, aber mit der Option, enger zusammenzuwachsen. „Junge Ärzte könnten sich dann in Teilzeit anstellen lassen und hätten weniger wirtschaftlichen Druck. Sie werden in der Verwaltung entlastet, können sich voll auf die Medizin konzentrieren und bei fachlichen Fragen auf ihre Kollegen stützen“, erläutert Kromczynski. Auch Bostelaar hält das Modell für zukunftsfähig und glaubt, dass man in ländlichen Regionen insgesamt neue Wege gehen muss: Mit Case Managern als zentraler Anlaufstelle für Patienten und Angehörige, die telefonisch und im digitalen Austausch den Bedarf für eine medizinische Behandlung ermitteln, oder auch mit einem Medibus, der Patienten abholt und wieder nach Hause bringt. Das könne ein Nachfolgemodell für fehlende Landarztpraxen sein.

Treffpunkt mit grünem Atrium

Inzwischen ist die Immobilie entkernt, der Bauantrag liegt zur Genehmigung vor. Im ersten Quartal 2021 sollen die ersten Praxen einziehen, mit gemeinsam genutzten Sozialräumen für Mitarbeiter und einem grünen Atrium als Zugangs- und Wartebereich. Für die Patienten ist es angenehm, umfassende ärztliche und medizinnahe Dienstleistungen wie Apotheke, Sanitätshaus und Physiotherapie mit guten Parkmöglichkeiten unter ei- nem Dach zu haben. „Durch Kiosk und Café wird das Ganze ein Treffpunkt werden“, ist Bostelaar überzeugt. Aber auch medizinisch gesehen macht die räumliche Nähe Sinn: „Der interdisziplinäre Austausch wird automatisch besser. Das bringt die Medizin voran und wirkt sich positiv auf die Gesundheitsversorgung aus“, so Kromczynski.

„Wir brauchen jetzt Lösungen!“, insistiert Bostelaar, dem auch daran gelegen ist, dass die Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung gut funktioniert, z. B. durch digitale Datenübermittlung. Weitere Gesundheitszentren in Marktheidenfeld und Gemünden sind zwar noch Zukunftsmusik, aber erste Weichen werden bereits gestellt: So konnte ein Zuschuss vom Freistaat für die Entwicklung eines Modellprojekts in Marktheidenfeld gewonnen werden. Wichtig sei auch der Weiterbildungsverbund für Allgemeinmediziner, die ihre komplette Ausbildung in Main-Spessart absolvieren können. Kromczynski: „Damit bekommen wir den Nachwuchs in die Region.“

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